Gaskrieg

 

Der Gaskrieg im IR 59

 

Mit dem Gaskrieg kam das IR 59 im Wesentlichen nur bei den Kämpfen um den Col del Rosso und in der Frenzellaschlucht in Berührung. Aktiv, also z. B. mit Gasgefüllten Handgranaten, kämpfte das IR 59 nie. 

 

Arten / Behandlung / Ausrüstung nach dem Stand 1914 - 18

 

Die deutsche Führung war von der Erfindung des Chemikers Fritz Haber zwar nicht überzeugt. Dennoch genehmigte sie im April 1915 den ersten Angriff mit Giftgas. Ein Tabu war gebrochen. 

 

Österreich-Ungarn setzte Giftgas im Ersten Weltkrieg ab Sommer 1916 an der Südfront gegen Italien ein. Kaiser Franz Joseph, der sich bis dahin geweigert hatte, den Einsatz von Giftgas zu genehmigen, wurde durch die Fehlinformation umgestimmt, italienische Truppen hätten als erste Giftgas eingesetzt.

 

Der erste Gasangriff österreichisch-ungarischer Truppen erfolgte am 29. Juni 1916 im Bereich das Mt. S. Michele vor der 6. Isonzoschlacht. Das Giftgas wurde dabei im „Blasverfahren“ von Druckflaschen unter Ausnützung der Windverhältnisse auf die gegnerischen Stellungen abgelassen. Über den Einsatz von Giftgas war schon vor dem Ersten Weltkrieg nachgedacht worden. 1912 regte Oberstleutnant Adolf von Boog die Einführung von Gasmunition an. 1916, nach dem Giftgas als Waffe schon weite Verbreitung gefunden hatte, beanspruchte Boog in einem Schreiben an das k.u.k. Armeeoberkommando die Urheberschaft.

 

Am folgenreichsten wurde Giftgas an der Südfront im Oktober 1917 zum Auftakt der 12. Isonzoschlacht eingesetzt. Anstatt der bisher von österreichisch-ungarischen Truppen verwendeten "B"- und "C"-Kampfstoffe, die die Italiener nicht mehr fürchteten, kam das von der Westfront stammende Verfahren des „Buntschießens“ mittels Gasminenwerfern zum Einsatz. Zur Unterstützung eines österreichisch-ungarischen Angriffes setzten deutsche Pioniereinheiten ab dem 24. Oktober 1917 in der Schlacht von Karfreit Gaswerfer mit 70.000 Grün- und Blaukreuzgranaten mit den an der Südfront neuen Substanzen Chlorarsen und Diphosgen ein. Die Gaswerfer wurden gezündet, um die Naklo-Schlucht südlich von Flitsch mit 5–6 Tonnen Grünkreuz zu füllen. Hierbei starb eine gesamte italienische Einheit. Major Graf von Pfeil und Klein Ellguth, der Kommandeur des deutschen Pionierbataillons 35, das den Gaswerferangriff bei Flitsch befehligte, beschrieb die Wirkung: „Bereits 10:15 vorm. wurden die Schluchten vollkommen gasfrei angetroffen und eine vollkommene Gaswirkung festgestellt. Nur vereinzelte noch lebende, schwer kranke Italiener wurden aus der vordersten feindlichen Stellung zurückgebracht, in der Schlucht selbst war die gesamte Besatzung, etwa 5600 Mann, tot. Nur wenige hatten die Masken aufgesetzt, die Lage der Toten ließ auf plötzlichen Gastod schließen. Es wurden auch verendete Pferde, Hunde und Ratten gefunden.“ Die deutschen und österreichisch-ungarischen Verbände hatten es dadurch erheblich leichter, den Durchbruch durch die italienische Front zu erreichen. Auch die psychische Wirkung war verheerend. Sehr viele Italiener ergaben sich den Angreifern, die Kampfmoral sank drastisch. Die italienische Front musste bis an den Piave zurückgenommen werden; zur Verstärkung wurden französische und britische Verbände an diese Front verlegt.

 

Im Juni 1918 versuchte Österreich-Ungarn in einer letzten Offensive, den Piave zu überschreiten. Der dabei durchgeführte Giftgas-Angriff war jedoch nicht erfolgreich, da zum einen die Italiener besser gegen Gasangriffe gerüstet waren und zum anderen ein Teil der chemischen Waffen zu lange gelagert worden war und damit seine Wirksamkeit verloren hatte.

 

In den Unterlagen des Sanitätschefs des 1. Korps befindet sich ein Hinweis über das Gasschießen in den letzten Kämpfen zwischen Brenta und Piave 1917.

 

„Die Gaswirkung besteht im starken Tränenreiz, wodurch angeblich auch ein Mann erblindet sein soll, und Brechreiz. Die Gastoten wiesen starke Schaumbildung vor dem Munde auf.“ (ÖSTA, KA, NFA 12, I. Korps, San. Chef Tagebuch 5, Feldpost 21 v. 21.12.1917, fol. 58). In einem weiterem Bericht des k. u. k. Sanitätschef der 94. ITD an den Sanitätschef des 10. Armeekomandos vom 14.7.1917 kann man Folgendes lesen: „Zwecks Ausstattung der Hilfsplätze und Sanitätsanstalten mit therapeutischen Behelfen gegen Gasvergiftungen wird um folgende außertourliche Zuweisung gebeten: • 3 Infusionsapparate nebst Glasirrigatoren + Infusionsnadeln • 3 Kg Chlorcalcium crystallis • 1000 Stück Codeintabletten • 30 Flaschen Digalen a 15 cmm3 • 60 Phiolen Oleum camphoratum • 1000 Stück Calcium lactecum Pulver a 0,50 • 15 Sauerstoff-Flaschen einfacher Art mit Schlauch und Mundstück.“ (ÖSTA, KA, NFA, 94. ITD Tagebuch 1 und 3, , Inf. Div. Chef 25.12.1915- 30.09.1918).

 

Die militärischen Behörden waren bemüht, alle Soldaten in Erster Hilfe bei Gasverletzungen auszubilden. Vom Kriegsministerium wurde im März 1917 ein „Schützengrabenmerkblatt“ mit Verhaltensmaßregeln zum Thema „Gasangriffe“ verteilt. Wie hilflos die Medizin trotz allem 1918 den Kampfgasvergiftungen gegenüberstand, geht aus der Wiener Medizinischen Wochenschrift hervor. So beschrieb der Wiener Universitätsprofessor Zeynek die Schwierigkeiten einer rationellen klinischen Behandlung, solange nicht die Natur des Gases festgestellt war. Unter anderem sollte die Sauerstoffatmung bis auf „eintretende Cyanose“ nicht mehr angewendet werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beim Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges wurden rund 120.000 Tonnen Kampfstoffe von 38 verschiedenen Typen eingesetzt, wobei ca. 100.000 Soldaten starben und 1,2 Millionen Soldaten verwundet wurden. Als Beginn des Gaskrieges während des Ersten Weltkrieges und damit des systematischen Einsatzes von Giftgasen als chemische Waffen gilt der Einsatz von Chlorgas durch deutsche Truppen am 22. April 1915. Das von der Pariser Polizei für zivilen Einsatz entwickelte Tränengas Bromessigsäureethylester zeigte in seiner Anwendung durch französische Truppen im August 1914 kaum Wirkung. Es war im Gegensatz zu Chlorgas nicht tödlich und eigentlich nur für den Polizeieinsatz gedacht. Auslöser für den Gaskrieg war somit der von Deutschland gut vorbereitete Einsatz. In den folgenden Kriegsjahren brachten die Mittelmächte und die gegnerische Entente in den sich gegenseitig hochschaukelnden Eskalationen immer wirksamere chemische Waffen zum Einsatz.

Die Haager Landkriegsordnung von 1907 war noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs sowohl von den Mittelmächten als auch von den Staaten der Entente und den USA ratifiziert worden und daher für diese Staaten bereits zu Kriegsbeginn bindend. Dass die Haager Landkriegsordnung den Einsatz von chemischen Kampfstoffen ausnahmslos verbietet, bestritten jedoch einige Juristen. Nach deren Auslegung untersage der Artikel 23 im Abschnitt a) „Gift oder vergiftete Waffen“ lediglich das Vergiften von Gegenständen, wie Wasser, Lebensmittel und Boden, und das Verschießen vergifteter Pfeile, nicht aber das von Geschossen, die Gift freisetzen. Und Abschnitt e) „Unnötige Leiden“ erlaube den Einsatz chemischer Waffen dann, wenn dies für einen militärischen Vorteil „nötig“ sei. Ferner fielen Reizstoffe nicht in diese Kategorie, seien demnach ohne Einschränkung erlaubt und wurden allein oder im Rahmen des Buntschießens mit potentiell tödlich wirkenden Kampfstoffen kombiniert.