Fähnrich d.R. Josef Jahn

Projekt Tagebücher des Fähnrich Josef Jahn

Die Tagebücher des Fähnrich d.R. Josef Jahn sind, ein unglaublicher Glücksfall, im Gesamten erhalten geblieben. Josef Jahn hat in der Zeit von 23. Juli 1915 bis 12. April 1919 dieses Werk verfasst und teilweise auch illustriert. Die wissenschaftliche Aufarbeitung wird noch Jahre dauern, zumal sehr große Teile des Tagebuches in Gabelsberger - Kurzschrift verfasst sind. Die acht Tagebücher, ein Skizzenbuch und drei Manuskripte werden in Teilen auf dieser Seite nicht veröffentlicht um eine unangebrachte Verbreitung zu verhindern. Allerdings stehen die Tagebüchern bei berechtigtem Interesse Forschern und Hinterbliebenen zur Verfügung.  Um einen Eindruck über die historische Wichtigkeit solcher Funde zu dokumentieren wurde ein Auszug veröffentlicht.

Übersetzung aus Gabelsberger Teil 1:

Monika M

Korrektur und Zusammenfügung, Reinschriften  Manuskripte:

Sabine L.

Scan und Zusammenstellung

Otto Lang

Auszug aus dem Tagebuch Skizzenbeschreibung:

Mt. Cimone Süd 10. Aug. 17


Bei der Arbeit am Drahtverhau vor der Feldwache 5.

Eine dunkle Nacht. Vorsichtig steigen ein Fähnrich (Felkl) und mehrere Infanteristen aus dem Graben und beginnen Draht zu ziehen. Plötzlich blitzt am Caviojo Nord das Mündungsfeuer eines Maschinengewehrs auf und schnell duckt sich alles hinter Steine, nur ein Mann bleibt  ruhig stehen und sagt : „Das geht ja uns nichts an“. Er hält den  Caviojo für die eigene Stellung da prasselt es neben ihm auf den Stein. Jetzt begreift auch er und verschwindet hinter einer Deckung.

Geräuschlos arbeiten die Leute um den argwöhnischen Gegner nicht aufmerksam zu machen. Da rollt ein Steinchen längs der Schutthalde entlang und sofort lenkt der feindliche Scheinwerfer sein Auge auf diese Stelle.  Unbeweglich bleibt sofort alles stehen oder sitzen wie sie es gerade in dem Augenblick gehalten hatten. Da bemerkt einer zu seinem Schrecken, dass er auf einem Skelett sitzt. Von der Spitz-Sprengung am 23. Sep. 1916 liegen noch viele italienische Leichen unter dem Schutt . Was soll er tun -  sobald er sich bewegt knattert eine Salve rüber.  So muss er ruhig sitzen bleiben bis der helle Strahl sich wieder beruhigt haben wird.

Eine Granate fällt in unmittelbarer Nähe eines Mannes nieder, aber ohne zu krepieren. Da sagt dieser, zum Blindgänger gewendet in bedachtem Ton:  „Wenn du jetzt  krepiert wärst, wären wir alle zwei hin!“

Mt. Cimone Süd, 12. Aug. 1917


Die Buchenkopfunternehmung

Für heute Sonntag, den 12. August um 4 Uhr morgens ist die Sturmpatrouillen(?)unternehmung auf die Buchenkopfstellung von der Division angeordnet worden, um Gefangene einzubringen. Ein starkes Artilleriefeuer der Italiener ist als Antwort vorherzusehen – Die beiden Kommandanten (Lt. Wallmann und Fhr. Fraunreiter) schlafen die Nacht bis 2 Uhr in unserer Deckung. Dann kommt der Kaffee für die Sturmpatrouille.

3:30 vormittag steigt sie beim rechten Flügel der Hauptstellung (südlicher Hexenkessel) hinaus. –

Die Ausrüstung sind Stutzen, Stahlhelm, Gasmaske und pro Mann 10 Handgranaten. – Es sind ganz neue Rohrhandgranaten gekommen, die noch klebrig sind und nach Lack riechen – das verspricht, dass nur wenig Blindgänger entstehen werden – Die Kompanie, die in Nordreserve ist (13. St. Krioche) hat um ½ 4 Uhr Tagwache – Programmmäßig beziehen sie vor 4 Uhr die beiden Kavernen, jeder nimmt Gewehr, Munition und Gasmaske mit sich, um diese wichtigste Ausrüstung bei einem etwaigen Volltreffer in eine Deckung geschützt zu haben.

Noch ist es ganz ruhig. Die schmale Mondsichel verbreitet einen schwachen Schein – Ich nehme meine Gasmaske, ziehe den Mantel an, denn in der feuchten Kaverne braucht man ihn sehr notwendig, stecke meine Magnetlampe in die Tasche und begebe mich auch in die Kaverne – vorher habe ich die Petroleumlampe im Unterstand verlöscht, damit im Fall eines Volltreffers in meine Deckung kein Brand entsteht.

Vom Durchbruch in Südtirol

Im Mai 1916

( Jos. Jahn )


15. Mai 1916

4 Uhr Tagwache, marschieren in den gestern vollendeten Schützengräben (200  mtr  hinter der vordersten Linie). Jeder gräbt sich, solange es noch dunkel ist, auf der feindwärts gerichteten Seite des Grabens eine Nische ein, um gegen feindliches Schrapnellfeuer  einigen Schutz zu haben. Unsere Artillerie beginnt langsam zu schießen. Um 9 Uhr wächst es zum Trommelfeuer an. Ein unaufhörliches Sausen und Zischen ist in der Luft. Die ital. Artillerie schweigt beständig.  Dafür erzielte unsere Artillerie einige Treffer in unserem vordersten Graben, wodurch dort einige Tote zu beklagen waren. Wir sprechen mit einander über das kommende große Ereignis, essen etwas zum Zeitvertreib, ich werfe noch einige Ausrüstungsgegenstände aus dem Graben, ebenso die meisten Karten, die ich bekommen, um meinen Rucksack zu erleichtern. Die neuen Pelzfäustlinge lasse ich in meiner Nische liegen. Um 11 Uhr bricht unser Artilleriefeuer ab, wir bekommen den Befehl zu Umhängen, marschieren durch den engen Laufgraben in die Stellung vor uns. Wir nehmen 2 Bajonette auf, laden und gehen hintereinander  durch den Graben der Stellung, bis zur Stelle, die zum Ausgang bestimmt wurde. Dort ist auf der Feindesseite eine Leiter angelehnt, über die wir nun einzeln ganz ungedeckt hinunterzuklettern haben. Vor dem Verlassen der Stellung sehe zu ersten Mal Gefallene, 3 durch zu kurz gegangene eigene Artillerieschüsse getroffene. Der Raum zwischen beiden Stellungen hat dünnen Waldbestand von alten Fichten. Stellenweise breiten sich noch größere Schneeflächen aus. Durch die feindliche Artilleriewirkung regnet es größere und kleinere Fichtenzweige. Der größte Teil der am Boden liegenden stammt aber von unserer Artillerievorbereitung her. Wir laufen möglichst rasch vorwärts, dabei immer nach einigen Sprüngen wieder hinter einem Baume Deckung suchend, um ein wenig zu verschnaufen. Die Italiener schossen aus ihren Gräben bis zum letzten Augenblick. Die in ihre Unterstände geflüchteten Italiener mussten mit Handgranaten daraus vertrieben werden, bis sie sich gefangen gaben. Derb von unserer Artillerievorbereitung durchwühlte Boden ist übersäht mit Sprengstücken, Schrapnellkugeln, Stacheldrahtteile, einer Unmenge Munition, gebrochenen Gewehren und dgl. Tote liegen, zum Teil schrecklich zugerichtet, in den zerschossenen Gräben. Der Feind hat sich auf die nächste Höhe zurückgezogen. Die Kompanien werden etwas gesammelt. Einige Salven werden dem Gegner nachgefeuert. Beim raschen Nachdrängen geraten wir in eigenes heftiges Artilleriefeuer, bis endlich unsere Artillerie mit roten Leuchtraketen von unserer Gefährdung verständigt ist, damit sie das Feuer weiter nach vorn verlegt. Um 3 Uhr Nachmittag sind wir ziemlich ohne jedes Feuer, bis wir abends wieder auf den Gegner stoßen. Wir graben uns im heftigen Gewehrfeuer ihm gegenüber ein. Mit zunehmender Dunkelheit verstummt das Feuer, um während der Nacht von Zeit zu Zeit auf beiden Seiten plötzlich wieder aufgenommen zu werden. Fast jeder, der sich erhob, hatte seine Unvorsichtigkeit mit dem Leben zu bezahlen. Sobald sich ein Mann zeigt, pfiffen schon einige Kugeln herüber. Neben mir sank plötzlich mit unterdrücktem Schrei ein Infanterist zu Boden, der sich aufgesetzt hatte. Ein Kopfschuss hatte seinem Leben ein Ende bereitet. Ein anderer hatte die Finsternis dazu benützen wollen, um seinen Platz zu wechseln. Doch noch war er nicht weit weggekommen, kam er jammernd auf allen Vieren daher gekrochen, er war mit einem Fußschuss davongekommen.


16. Mai 1916

Um 4 Uhr morgens holte ich mit einigen Mann die Kochkisten mit Suppe und Fleisch von den 15 Minuten entfernt stehenden Tragtieren- ein mühseliger Weg. Einige Male mussten wir uns vor den Schrapnellen und heftig singenden Kugeln decken. Ein Schrapnell krepierte so nahe, dass ein Mann im grellen Feuerschein die Kochkiste fallen ließ. Die warme Suppe war der Kompanie sehr willkommen.

Wir sind auf dem Monte Coston. Mit der Morgendämmerung schwillt das Gewehrfeuer wieder an. Wir graben nach Möglichkeit tiefer in den steinigen Grund. Die Rüstung hatte ich während der Nacht nicht abgelegt, jetzt tat ich es, um besser arbeiten zu können. Um 6 Uhr setzte wieder unser Trommelfeuer ein, das bis 10 Uhr anhielt. Nun kam der Befehl zum Umhängen und zum Angriff. Unsere Kompanie hatte schlechtes Terrain zum Vorgehen, daher große Verluste, bei unserem Zug fast ein Drittel des Standes, den er am 15. früh hatte. Die Verluste des Regimentes betrugen beim ganzen Durchbruch 1200 Mann. Nachmittag wollten wir eine Waldlisiere beziehen, bekamen aber bald furchtbares Artilleriefeuer, so dass alles zurückgehen musste. Ich blieb mit einem Kdt.Asp. eine Weile hinter einem Baume liegen, um nicht im Feuer zurückgehen zu müssen. Aber unaufhörlich fielen die Granaten in unserer Nähe ein. Sooft eine explodierte, steckten wir den Kopf unter den Rucksack, um wenigstens diesen gegen Trümmer und Steine zu schützen. Schließlich mussten wir uns doch entschließen, zurückzulaufen. Unsere Kompanie begann nun sich als Reserve auf einem steinigen Hang, sich einen Graben auszuheben. Beständig fielen auf demselben schwerste (verm. 28 cm) ital. Granaten ein, von deren emporgeschleuderten Steinen wir arg gefährdet wurden.

Bei einbrechender Dämmerung wurden wir abgelöst, und lagen die folgende Nacht über in einer Mulde, etwa 500x weiter rückwärts. Durch Schrapnellfeuer hatten wir einige Verluste. Ich legte mich, um mir das Eingraben zu ersparen, hinter einen Stein, der mich sehr gut schützte und hüllte mich in Decke und Zeltblatt gut ein.

17. Mai 1916

Als ich erwachte, sah ich in der Dämmerung die Kompanie schon vergattert steh.  Es war um 4 Uhr Tagwache gewesen. Schnell stopfte ich meinen Rucksack, hängte um, und eilte zu meinem Zug. Nach kurzem Marsch gruben wir uns in einem Walde als Brigadereserve ein. Vor uns waren die 50er, die die 3. Stellung stürmten. Wir litten ziemlich unter dem Artilleriefeuer.

Abend wegmarschiert und längs eines Weges, hinter Bäumen und durch Eingraben einigermaßen gegen eventuelles Artilleriefeuer geschützt,   teilt. 12 Uhr nachts kam Menage und Fassung. Unbeschreibliches Durcheinander infolge der großen Finsternis und des Gedränges. I Uhr schlafen gegangen, vor Kälte konnte ich wenig schlafen.

18. Mai 1916

4 Uhr Tagwache. Den Weg auf der Feindesseite mit Tannenreisig gegen Sicht maskiert. Um 8 Uhr kam plötzlich der Befehl zum Abmarsch. Nach langem Hin- und Hermarschieren in Schwarmlinie mit  je 6 mtr Abstand halt gemacht. Der Schnee ist noch über 1 Meter tief. Um jeden, der in großen Abständen stehenden alten Fichten ist ein Loch von einigen Schritten Durchmesser ausgeschmolzen. Diese benützen wir, um uns darin aus Fichtenzweigen ein Lager für die Nacht herzurichten. Ein Stützpunkt der Italiener von den 14er gestürmt. Unsere Artillerie beschießt heftig die ital. Stellung.

In den Schneelöchern eine sehr kalte Nacht verbracht.

19. Mai 1916

Ganzen Tag ohne Beschäftigung im Wald verbracht. Abends 10 Uhr kamen die Tragtiere mit Menage und Fassung. Wir mussten aber in dem tiefen Schnee eine halbe Stunde den Abhang hinuntersteigen, bis zu dem Weg, wo die Tragtiere standen. Sind nun Armeereserve. Menage, Fassung, Post kommt regelmäßig abends gegen 10 Uhr.


20. Mai 1916

Stehe täglich um 9 oder 10 auf, nachmittags eine halbe Stunde hinabmarschiert, um eine Straße auszubessern, auf der der ganze Nachschub zur Front vor sich geht. Lange Kolonnen von Tragtieren, Karretten, mit Munition verkehren den ganzen Tag. Auch Geschütze poltern mit 4 oder 6 Pferden bespannt über die holprige Straße, um ihren Standplatz zu wechseln. ½  4 Uhr Nachmittag schon Menage und Fassung, dann weitergearbeitet bis 10 Uhr abends. Dann den mühseligen langen Weg im Schnee, über Wurzelwerk, Steine hinaufstolpern bis zu unseren Plätzen, wo wir liegen. Ganz gut geschlafen, benütze alle Ausrüstungsstücke, um mich gegen die Kälte zu schützen.


21. Mai 1916

In Zukunft schon jeden Tag um 5 Uhr Tagwache und Vormittag und Nachmittag an der Straße gearbeitet. Die Front ist bereits so weit vorn, dass wir nicht mehr schießen hören.